Der ehrliche deutsche Zuckerkuchen

Zuckerkuchen gehört zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen. Speziell 2 Anlässe gab es: Den gemeinsamen Sonntag Nachmittag im Winter, wenn wir uns vor der Biathlon-Übertragung versammelten und die großen Ferien im Sommer. Egal wann, Zuckerkuchen war immer ein bisschen ein Fest. Mein Vater war und ist stets verantwortlich für seine Entstehung und ich glaube, Teil seines Geheimnisses ist immer ein bisschen zu jammern, wie aufwändig es sei den Hefeteig herzustellen. Da mussten wir - mindestens unterbewusst- speziell dankbar sein. Vielleicht kommt auch daher, dass ich ihn als speziell deutsches Gebäck assoziiere. Ich bin als Kind Deutscher Eltern mein Leben lang in Österreich gewesen, aber der einfache Hefekuchen schmeckt für mich nach Nordseebrise.

Jedenfalls ist mir so etwas nie in österreichischen Bäckereien oder Cafes begegnet- die in anderer Hinsicht die deutschen bei weitem schlagen. Der Zuckerkuchen ist aber zu “plump” einfach nur Hefeteig mit Zucker eben- da fehlt vielleicht die wiener Rafinesse.

Warum nur Zuckerkuchen “Zuckerkuchen” heißt entzieht sich meiner Kenntnis, denn eigentlich ist ja in (fast) jedem Kuchen in irgendeiner Form Zucker. Vielleicht, weil es bei diesem so besonders offensichtlich ist. Ich finde den Kuchen deswegen jedenfalls irgendwie “ehrlich”. Es ist ein ganz klassischer Hefe-Blechkuchen, aber er macht keinen Schnickschnack mit irgendwelchem Obst oder Streuseln obenauf, sondern hat dort schlicht: Zucker. Und die original- Anweisung meines Vaters lautet: “Aufs Blech drücken, dann zweimal dick mit Zucker bestreuen, Butterflöckchen darauf setzen und mit je einer kleinen Prise Salz bestreuen und dann nochmal dick mit Zucker bestreuen.” Ehrlicher geht es doch kaum, oder? Ach und übrigens: ich mag keine Rosinen, aber irgendwie stören sie mich in dem Fall nicht. Sie gehören dazu, können aber auch durch Cranberries ersetzt werden, falls ihr militantere Rosinen-Hasser seid als ich.

Auf andere Art “ehrlich” waren jedenfalls auch die Blähungen, die wir als Kinder dann regelmäßig nach dem Genuss von warmem Hefeteig hatten. Aber ein bisschen Leiden gehört für so ein himmlisches Gebäck eben dazu. Und die Variante, den Kuchen 1-2 Tage altern zu lassen, um der Pupserei zu entgehen kam aus mehreren Gründen nicht infrage. Der Kuchen war nämlich meistens auch unser Mittagessen. Nachdem meine Eltern äußerst Figurbewusst sind aber gleichzeitig ausgesprochene Süßschnäbel wurde in meiner Kindheit jeden zweiten Tag süß zu Mittag gegessen. Eben auch mal Kuchen. Als Kind war ich mir nicht bewusst, woher an diesen Tagen mein Unwohlsein und meine Unruhe stammten. Ich mag zwar Süßes auch, aber ich habe es nie wieder als Hauptspeise eingeführt. Zu vielen anderen “Sünden” bin ich, nach genügend Abstand von Zuhause zurück gekehrt. Haferbrei und Milchreis zum Beispiel.

Bei beiden schwor ich mir mit 18 dass ich sie nun NIE wieder essen müsse. Nie hielt bis ungefähr 25, ab da gibt es die “süßen Breie” wieder ab und an bei Bauchweh oder Emotions-weh. Oder einfach nur aus gusto. Süße Hauptmahlzeiten gibt es nach wie vor nicht. Aber Zuckerkuchen! Er ist ideal für einen gemütlichen (verregneten) Sonntag Nachmittag- gerne mit Freunden, sonst wird er womöglich doch zur Hauptspeise. Und, und keine Sorge, seit ich ihn selbst backe, weiß ich, dass mein lieber Papa mit dem “großen Aufwand” maßlos übertrieben hat. Hefeteig, ja, Aufwand, nein. Aber beschwert euch nicht, wenn ihr einfach nicht abwarten könnt bis er kalt ist hinein zu beißen und dann Blähungen bekommt. Lauwarm ist er am besten!

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Ein neuer Lampenschirm…