Der Garten und die Zeit
“Die Zeit ist ein sonderbar Ding…” wusste schon Hugo von Hofmannsthal. Und wie recht er damit hatte.
Auf meine “alten Tage” (jedenfalls ist die Schule schon ein paar Jährchen her…) lerne ich gerade neu zu lernen. Wie ungeduldig ich mit mir selbst bin, bringt mir mein Klavier geduldig bei (und der dazugehörige Lehrer), aber vor allem: Mein Garten.
Die Zeit im Garten läuft irgendwie anders, als im “normalen” Leben. Zunächst mal ist sie immer viel zu schnell vorbei und ich habe wieder tausend Kleinigkeiten erledigt, aber noch immer nicht das Hochbeet gebaut, die Wurzelsperre eingegraben oder den Kompost umgesetzt.
Und dann hat der Garten 2 sonderbare (wunderbare) Aspekte:
Er zeigt die Zeit der Natur und die lässt sich absolut nicht manipulieren. Ein Blümchen wächst, so lange es eben wächst. Ich kann einen Polsterphlox im ersten Jahr noch so gut hegen und pflegen, er wird kein “Polster” werden, sondern ein Pflänzchen bleiben. Ebenso mit Obstbäumen. Meine Ringlotte ist für ihre 5 Jahre, die sie nun bei mir wohnt ein stattliches Bäumchen geworden. Getragen hat sie noch nie, nicht mal zur Kostprobe. Das stellt mich Ungeduldshammel natürlich ordentlich auf die Probe. Zum Glück gibt es auch Pflanzen, die sich “brav” beeilen. Meine Erdbeeren gehören dazu.Und die Himbeeren auf dem Hügel. Für die ist es zwar noch viel zu früh (wieder so eine Sache mit der Zeit), aber sie treiben schon ganz gewaltig aus, die Hoffnung ist groß. Meine große Aufgabe bei dieser Art von Zeit ist, die Ruhe zu bewahren und den Prozess zu genießen. Denn um nichts anderes geht es ja beim Gärtnern. “Fertig” ist das Ding nie, dafür ist es viel zu lebendig und das ist auch gut so.
Die zweite Art, die mein Garten mich lehrt mit der Zeit umzugehen ist die ständige Planung und Gleichzeitigkeit. Immer ist Säen, Wachsen, Jäten, Ernten, Sterben und Kompostieren gleichzeitig. Im Winter säe ich die ersten Frühlingsblumen und ernte den letzten Vogerl- (Feld-) Salat. Im Frühling stecke ich alles, was im späten Herbst blühen soll und “editiere” alle wilden Sprösslinge, die sich so verbreiten. Mein Garten ist hierbei viel verlässlicher als ich. Cosmeen, die ich aus Samen ziehe werden meistens nur sehr teilweise gesund und groß. Mein Garten beliefert mich hingegen freiwillig mit ganzen Heerscharen junger, kräftiger Pflänzchen. Halt leider alle an einer Stelle, aber zum Glück scheinen sie ihren Standortwechsel gut vertragen zu haben. Ich nehme es als Zeichen, dem “Zufall” (der Natur, einer höheren Macht, dem Karma…???) in meinem Garten noch mehr Raum zu geben und zu versuchen das Wachsen und Werden ohnen meinen Kontrollwahn zu begleiten. Oh, und da werde ich wohl in meiner Rolle als Mutter auch dran arbeiten dürfen. Welch großartiges Sinnbild für das Leben auf kleinstem Raum. Wachsen, ernten, sterben, geboren werden, alles ist immer gleichzeitig und immer gleichzeitig schön und schrecklich.
Während die Spatzen vor meinem Fenster totes Gras für ihre Nester aufpicken ist der alte Kirschbaum im Hof, den wir während des Umbaus versucht haben mit allen Mitteln zu schützen, dieses Jahr endgültig gestorben. Ein großer Verlust, er spendete wunderbaren Schatten (die Kirschen waren leider nur für die Vögel) und einige dicke Zweige für die Schaukel. Manchmal weiß ich nicht, woran es liegt, dass etwas wächst oder eben nicht. Den Holunder, der sich wild unter der Kirsche angesiedelt hat, haben wir mehrfach ausgerissen- sogar mit einem Bagger. Er steht diesen Moment in voller Blüte und ist mehrere Meter hoch. Nun soll er wachsen und den frei gewordenen Raum füllen und auch für die Schaukel wird sich eine neue Lösung finden (müssen). So ist alles im Fluss und in voller Fülle und ich bin mir nicht sicher, ob ich versuche zu schwimmen, oder mich lieber gleich davon tragen lasse…