Minimalismus und wir
Remember when you wanted, what you currently have…
Minimalismus- also ursprünglich war das die Bezeichnung für eine Kunstrichtung aus den 60ern. Inzwischen gibt es ganze Youtube-Kanäle, Netflix Filme, Podcasts usw. dazu- und natürlich blog-Beiträge. Ob es aus Europa den USA oder dem fernen Osten stammt, sei jetzt mal dahingestellt, jedenfalls hat mich das Minimalismus-Fieber ziemlich erwischt. Besonders, als ich noch keine Kinder hatte. Das Schöne am Minimalismus ist, dass er im Prinzip einfach nur die Bewusstheit für die Dinge, die man Besitzt in den Vordergrund stellt- also ob man 1 oder 1000 Teile besitzt macht erstmal keinen Unterschied, sofern man jedes Einzelne nutzt, liebt oder sonstwie wertschätzt. Das ist natürlich ziemlich gegen die gegenwärtige Kultur. Der Kapitalsimus macht uns durch Werbung ständig klar, dass wir das nächste Ding unbedingt brauchen. Es geht uns bestimmt noch besser und alle unsere Probleme werden sich auflösen, wenn wir dieses eine Teil noch besitzen. Mit der unterschwelligen Botschaft, dass wir nicht “wert” genug sind, so wie wir sind, ohne alles. Und dann wissen wir am Ende nicht mehr was wir in den Schränken haben. Aus eigener Erfahrung kann ich tatsächlich sagen, dass ich noch nie ein Teil vermisst habe, das ich weitergegeben habe und dass ich mir tatsächlich jede größere Anschaffung (meist so über 20 Euro, wenn es sich nicht verbraucht) tagelang überlege. Letzteres kann mit erblich bedingtem Geiz zusammenhängen, aber das ist ein anderer blog-post.
Mit Kindern wurde Minimalismus ungleich schwieriger. Erst mal ist man überzeugt, man würde alles Mögliche brauchen, damit dieser kleine Mensch überlebt. Milchpumpe, Schnullerwärmer, Schnuffeldecke 1, 2,3 und 27…. Und dann plötzlich macht dieser kleine Mensch den Mund auf und sagt die Wörter “ich will….” und dann wird es richtig kompliziert. Sich als Eltern einzugestehen, den aktuellen Frozen- , Hello Kitty- , Bibi und Tina- , Paw Patrol- , Micky Mouse-, Pokémon….- Trend eben nicht mit zu machen und sein Kind dem Außenseitertum auszusetzen ist wirklich schwer und ich möchte niemandem ein schlechtes Gewissen deswegen machen. Trotzdem weiß ich aus eigener Erfahrung, dass jeder heiß ersehnte Merchandise-Artikel nach spätestens 10 Tagen in einer Ecke landet und kaum mehr bespielt wird. Meist sind diese Dinge nämlich sehr unflexibel und uninspirierend. Sie lassen sich nicht umgestalten oder mehrfach "erleben”. Also muss das nächste Ding her, damit Nachwuchs zufrieden ist… oh, hoppla, warum ist es nochmal so schwierig das Kinderzimmer aufzuräumen?
Die Tragik an der ganzen Sache ist, dass wir Eltern diese Muster auch haben. Ein klassisches Henne-Ei-Problem. Wir glauben etwas zu möchten oder zu brauchen, gehen online und am nächsten, spätestens übernächsten Tag kommt es frei Haus. Kreditkartenschulden inclusive. Die Distanz zwischen Wollen und Bekommen ist wahnsinnig kurz geworden, kein Wunder, dass die lieben Kleinen das nicht hinbekommen und durch Schreianfälle zu verhindern wissen. Leider ist genau diese Distanz die Zeit, in der wir lernen. Ich will lesen können- also muss ich mich so lange frustriert mit Buchstaben abmühen, bis ich es schaffe. Wenn ich das maximal die 2 Tage, die eine online- Bestellung braucht durchhalte, werde ich wohl nicht lesen lernen. Können wir als Eltern es schaffen unseren Kindern ein Vorbild zu sein? Also etwas für uns wirklich Schwieriges (ein Instrument, eine Sprache, ein Kunstwerk, eine Sportart…) zu erlernen bzw.zu erschaffen, das, wenn wir uns verbessern, unseren Selbstwert wirklich hebt und außerdem nicht nach 2 Wochen langweilig wird? Auf Dinge übertragen also ein Instrument, Bücher, Mal-utensilien, Holzstücke, Lego, Schlittschuhe… Ein hehrer Anspruch in einer Zeit des Stresses, Burnouts, Überstunden und - ach ja- ich hab kleine Kinder.
Trotzdem ist mir dieses Thema so wichtig. Ich kann nicht behaupten ein “lupenreiner” Minimalist zu sein. Dazu besitze ich viel zu viel Zeug. Denn auch Dinge, mit denen man kreativ sein kann, sind Dinge und häufen sich an. Mist. Aber: Ich weiß auswendig genau, was in meinen Schränken ist und ich nutze einen sehr hohen Anteil davon, speziell bei Kleidung und Küchenutensilien trifft das zu. Ihr werdet in diesem Blog immer wieder dasselbe Geschirr auf Fotos finden. Ich werde nicht nur um des Fotos willen mir mehr Geschirr anschaffen. Und aufessen werde ich das Fotografierte nachher auch. Genau so, wie ich versuche Kleidung bis zu ihrem Ende zu tragen, Seife, bis sie sich aufgelöst hat (möglichst ohne Plastik-ummantelung) zu verbrauchen und Bücher aus der Bücherei zu holen. Und damit sind wir beim Thema Nachhaltigkeit angekommen - eine nicht gekaufte Jeans macht noch weniger CO2 als eine Sekond-Hand gekaufte (und natürlich wesentlich weniger als fair fashion, geschweige denn fast fashion).
Wir beuten die Resourcen unseres Planeten aus, um möglichst sofort Dinge zu bekommen, die uns erst verblöden lassen, dann belasten, schließlich hinten im Schrank oder auf dem Müll landen und uns im schlimmsten Fall mit Schulden zurück lassen. Und wir tun das, weil uns eingeredet wird, wir seien nicht gut genug, wenn wir es nicht tun. Und die einzige Lösung ist Bewusstheit.