Ein Kleid aus Stoffresten
Wir (Frauen) kennen alle das Problem: Irgendwie hat man nie was zum Anziehen. Jetzt besagt die Statistik, dass man dieses Problem umso mehr empfindet, je mehr man tatsächlich zum Anziehen hat. Seltsames Paradox, aber wenn ich nur eine Hose habe, dann muss ich die eben anziehen. Da bin ich mir lieber sicher, dass es die richtige Hose ist.
Als jemand, der sich zu bewusstem Einkaufen bekennt und noch dazu versucht möglichst umweltfreundlich und sozialverträglich zu agieren, wird die ganze Sache nochmal schwieriger. Sämtliche große Bekleidungs-Ketten fallen aus. Sekond Hand ein neues Lieblings-Kleidungsstück zu finden ist ein unglaublicher Aufwand, vor allem wenn man nur zwei Stück haben will und nicht 8 die alle nur “irgendwie” passen. (Siehe hierzu auch den Blogpost zum Thema Minimalismus). Läden die wirkliche fair-trade Mode haben- also bitte aus einem biologisch hergestellten Stoff, der sozial verantwortlich verarbeitet wurde- sind sehr selten, sehr teuer und haben meistens die Farbpalette von Erdbraun bis Khaki im “fließenden Tunika”-Stil. Auch noch keine Lösung. Da bleibt nur noch: Selber nähen.
Das Thema der sozialen Gerechtigkeit hätten wir damit abgedeckt, denn ob ich mir Pausen gönne und für Sozialversicherung sorge bleibt mir überlassen. Biologisch erzeugte Stoffe gibt es zum Glück jede Menge, also nichts wie los.
Der erste Schritt ist, ein Schnittmuster zu finden, das mir wirklich gefällt. Denn- economy of scale- wenn ich es einmal habe, kann ich den selben Schnitt mehrmals verwenden, muss nicht jedesmal erst mühsam Schnittmusterbögen ausschneiden, kann den Schnitt genau an meinen Körper anpassen und- ganz wichtig- weiß beim nächsten Mal schon wie es geht, was die Arbeit ca. 25% schneller macht.
So, Triumph, Triumph, mein Kleiderschrank ist wieder ausgestattet und ich habe genau das, was ich wollte. Und jetzt? Jetzt habe ich einen großen Haufen Stoffreste, zu klein um sinnvoll etwas zu nähen, zu groß um sie einfach zu entsorgen. Und außerdem wollten wir doch nicht so viel Müll produzieren….?!
Online gibt es eine Menge Beiträge, was man mit Stoffresten alles anfangen kann. Meist reichen sie von “Buchumschlag” über “Topflappen” bis “Süße Nadelkissen-Igelchen”. Das ist wunderbar aber echt nicht mein Stil. Und außerdem habe ich hier nicht 8 Schnipsel grünes Leinen, sondern einen dunkelblauen keine-Ahnung-wie-der-heoßt-Stoff, grünen Interlock und ein blaues Kleid, dessen Oberteil kaputt ist, der Rest aber halbwegs ok- also wenn man den Saum abschneidet jedenfalls, und ein bisschen pünktchen-Jersey vom letzten Sommerkleid ist auch dabei. Sorry, aber ich will weder Topflappen (nicht noch welche, die nicht in meine Küche passen!), noch einen Nadel-Igel (womit wir wieder beim Minimalismus wären). Also noch ein Kleidungsstück. Variante einfach wäre, etwas für die Kinder zu nähen. Das bringt automatisch kleiner Schnittteile mit sich. Nur: Deren Kleiderschrank läuft bereits über. Also für mich.
Liebe erfahrene Näherinnen, Profis, Genauigkeits-Fanatiker und sonstige Menschen, die es richtig machen wollen: Verurteilt mich nicht! Dieses Kleidungsstück ist rein meiner Phantasie entsprungen, es ist ein echtes Einzelstück und ungefähr jede Naht ist krumm. Ich gebe auch keine Anleitung dazu her, denn ohne genau diese Stoffreste macht es keinen Sinn. Aber es soll bitte der Inspiration dienen, sich an solche verrückten Projekte zu trauen. Und ich habe durch diesen Versuch - und die Hilfe der Schwiegermama beim Scheitern - so viel gelernt. Ja, es ist ein bisschen unmöglich, aber für den Spielplatz, das Homeoffice oder meinen Garten perfekt geeignet und mega bequem. Und: Es hat den Müll der bei meiner “ernsthaften” Näherei entstanden ist massiv reduziert. Also ran an die Stoffreste-Kleider!!!