Routinen… und deren Beseitigung

Ich bin ein Mensch, der Routinen liebt. Sie geben mir Sicherheit und Freiheit zugleich. Ich habe auch mal gelesen, dass Kinder im Rahmen von Routinen besser gedeihen. Keine Ahnung, aber es fühlt sich auf jeden Fall gut an. So funktioniert Frühstück, so läuft die Arbeit, der Nachmittag und die Schlafenszeit. All das gibt Halt und gleichzeitig den Freiraum am dezidierten Platz.

Und dann kommt die Überschwemmung. Oder die Krankheit. Oder etwas anderes Unerwartetes, dass einem einen riesigen Strich durch die Rechnung macht. Plötzlich wird klar, dass all der Komfort, den man sonst nicht bemerkt, wie ein Kühlschrank, ein Herd, ein Backrohr, fließendes warmes Wasser, ein beheizter Raum, funktionierende Lichtschalter, ….. auch ganz schnell mal verschwinden kann. Und dann?

Ich hatte so ein Erlebnis in den letzten Wochen. Und ich darf mich wirklich nicht beschweren. Niemand war in Gefahr, das Haus steht (der Garten blüht). Dennoch ist Schaden entstanden und- ja Strom und Heizung sind momentan aus. Mal sehen wie lange noch. Plötzlich wackeln alle Routinen. Eine warme Mahlzeit zu beschaffen beginnt mit dem Weg zum Nachbarn, oder mit dem Anheizen des Grills. Immerhin dürfen wir uns ein Kabel ziehen und haben damit eine Steckdose- und immerhin funktioniert es beim Nachbarn. Hätte ja auch anders sein können. Sich selbst waschen geht nur noch kalt und im Dunkeln- immerhin Wassser und Kanalisation funktionieren. Und auf ein Mal verstehe ich die Müdigkeit aller, die aus ihrer Umgebung gerissen werden. Wahnsinn, wie anstrengend ein Alltag ist, bei dem sich unser Gehirn nicht an Routinen festhalten kann. Und wie sehr muss es zusätzlich emotional belasten, wenn Familie oder Wohnstätte tatsächlich bedroht sind. Ich ziehe meinen inneren Hut vor allen Menschen, die ihre Heimat dauerhaft verlassen müssen. Ich kann mir das Ausmaß ihrer Anstrengung und ihres Verlusts ganz sicher noch immer nicht annähernd vorstellen- aber mein Respekt und mein Verständnis sind gestiegen.

Ich habe durch unseren überfluteten Keller und das dem vorangehenden Unwetter vor allem eines gelernt: Die unglaubliche Hilfsbereitschaft in meiner Umgebung. Wir durften Unterschlupf finden, als die Feuerwehr dies empfahl, wir bekamen von allen Seiten Hilfe beim Schleppen und Pumpen und Unterstützung und seien es nur, einige ermunternde Worte im strömenden Regen auf der Gasse. Unglaublich was im Menschen steckt, wenn es wirklich darauf ankommt und ich schäme mich fast, das vorher nicht vermutet zu haben. Doch zugleich ist genau das wahrscheinlich das Erfolgsgeheimnis unserer Spezies. Wir sind zu immenser gegenseitiger Unterstützung fähig. Und langsam kehren Routinen zurück. Das Abendessen darf ich beim Nachbarn kochen- der dann auch gleich mit am Tisch sitzt und sein gekühltes Bier zu unserem Kerzenschein beisteuert. Welch ein Geschenk in all der Tragik und Ungewissheit das große Netz der Gemeinschaft zu spüren, seine Tiefkühlbeeren auf die verbliebenen funktionierenden Tiefkühler zu verteilen und gemeinsam zu hoffen, es möge in nächster Zeit kein Regen kommen, damit das Grundwasser sich endlich aus dem Keller verabschiedet. Eine Zeit echter Belastung und erzwungener Ruhe zugleich. Ich sehne mich sehr nach ihrem Ende und bin jetzt schon unendlich dankbar für alles was sie mich gelehrt hat. Über meine eigene Angst, meinen Umgang mit schlechten Nachrichten und über den Nutzen von Geräten, die ohne Kabel funktionieren. Und nicht zuletzt bin ich mindestens genauso dankbar für all die Menschen, die mir beigestanden sind. In welcher Form auch immer. Es wäre viel schlimmer gekommen ohne sie.

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Herbstliche Tischdekoration